54. Hanseboot in a nutshell & Kundenwünsche

Die gesamte Crew der white sparrow machte sich bereits vor 1 ½ Wochen in Richtung Hamburg zur 54. Hanseboot auf. Mit dem Zug ging es bis fast von Tür zu Tür:

Vorfreude in der Bahn
Vorfreude in der Bahn

In Hamburg angekommen ging es gleich in Halle B4 rein ins Vergnügen. Halle B4 zeichnet sich dadurch aus, dass sie u.a. die Ausrüster und WSV bzw. BSH beherbergte und somit als Einstieg ganz gut geeignet war. Man wird nicht gleich von den Booten erschlagen und kann sich langsam an das Thema heranschleichen. Das Thema war: wir schauen mal, was so in der 24ft-Klasse an Angeboten auf dem Markt gibt. Gucken kostet ja nichts. Also rein ins Vergnügen und es bietet sich u.a. das folgende Bild:

Der Blick auf die Riege der höherpreisigen "Plastikbecher"
Der Blick auf die Riege der höherpreisigen „Plastikbecher“

Und damit beginnt dann auch schon die Geschichte. Sie handelt von ominösen Kundenwünschen und geht so. Man betritt zum Beispiel eine Biga. Bescheiden wie wir sind treten wir uns natürlich nicht mit den anderen die Füße an der fast 10m langen Biga 292 platt sondern versuchen bei unseren Leisten zu bleiben und inspizieren die etwas kleiner Biga 242. Ohne Frage, der Ausbau ist solide und macht einen sehr guten Eindruck. Nur das Design ist – sagen wir mal – etwas bieder. Das kann man aber sicherlich verschmerzen, wenn man die knappen 60.000 Euro auf der Tasche hat, um sie in ein Sportgerät zu stecken. Also wir werden aus den letzten beiden Gründen keine Freunde.

Solide im Bau und Preis und im klassischen Design
Solide im Bau und Preis und im klassischen Design

Weiter geht’s zur Dehler 32, Hanse lassen wir mal weg, die hat ja nun fast Jeder und Jeder. „Plastikbecher“ werden einige sagen. Mag sein, aber wir besteigen das Boot dennoch. Was als erstes auffällt ist das überdimensionierte Steuerrad. Es versperrt vollständig den Gang durchs Cockpit. Warum?- Kundenwunsch, aber dazu später. In der Kabine, anständiger Navigationstisch mit Pantry und Waschkabine. Alles gut aufgeteilt und im Prinzip so auf die Schnelle nicht zu beanstanden. Bis auf ein auf einem Boot vielleicht nicht ganz so „unbedeutendem“ Detail: die Schlingerleiste. Man will meinen, dass darauf eine Werft Wert legt. Immerhin schiebt so ein Boot auch mal Lage oder die ein oder andere Welle umspielt den Bug. Aber offenbar muss man bei Dehler sparen. Ich habe gewagt, ein wenig deren Festigkeit zu testen. Nun kann man der (abwegigen) Meinung sein, dass meine Leibesfülle eine Reduktion vertragen könnte. Aber mein BMI befindet sich sicherlich nicht in gefährlichen Bereichen m.a.W. eine Schlingerleiste sollte einer Person wie mir ausreichend Halt geben, zumal bei den sehr moderaten Wetterbedingungen in einer Messehalle. Das Schlingerleistchen, anders kann man das nicht bezeichnen, der Dehler 32 jedoch gab nach einem leichten Zug bereits deutlich nach, so dass ich den Festigkeitstest schnell abbrach. Für knappe 100.000 Euro könnte man an diesem Detail eigentlich mehr Festigkeit als IKEA Standard (nichts gegen die Schweden aber bei dem Preis) erwarten.

Also fängt man mit den durchaus freundlich gesinnten Standbetreuer ein Pläuschchen an. Das drehte sich um die Frage,  ob man denn das Ganze auch mit Pinnensteuerung haben könne. Ja das ginge wohl, wäre ja auch viel besser, weil die Steuerung dann direkter sei. Zustimmung zu dieser Aussage allenthalben, nur warum wird dann ein überdimensioniertes Steuerrad verbaut? Nun es sei eben der Kundenwunsch nach einem Steuerrad, der hier die Werft dazu bringt, keine Pinnen standardmäßig auszuliefern. Aha, also der Kundenwunsch macht hier die Musik. Interessant wäre es jetzt mal zu erforschen, warum „Kunden“ lieber die Bequemlichkeit eines einheitlichen Cockpits zugunsten eines Steuerrades aufgeben…

Sinnierend beweg man sich dann vorwärts und stellt fest, dass der Kundenwunsch noch zu anderen Blüten der Bootsbaukunst führt. Etas vulgär ausgedrückt geht es um Klos! Die die nicht repräsentative Besichtigung von Booten aller Preisklassen in der 24ft Klasse ergab, dass an allem möglichen gespart wird, Hauptsache ein Klo findet wie auch immer einen Platz in der Kabine. Ganz vorn dabei die Scangaard 26:

 

Keine Umfallgefahr auf der Toilette
Keine Umfallgefahr auf der Toilette

Eine wunderbar Alternative zum Folkeboot, schön verarbeitet aber eben mit einem – ja kann man zu diesem „Ding“ Toilette sagen. Der 4 jährige Sohn eines Freundes passt da gerade mal so rein. Die Falttür schrammte knapp am Niedergang vorbei und ich wollte mir nicht ausmalen, wie sich das Sitzen auf der Toilette bei leichtem Seegang in diesem Zellchen so anfühlen würde. Na zumindest auf die Schlingerleiste konnte man getrost bei dieser Enge weglassen… Auf die Frage, wozu man denn damit die Kajüte verbauen würde, kam die Antwort. Manche Kunden wünschen sich einen Rückzugsraum… Ahja. Das hatte ich auf der Fareast 26 auch schon gehört:

Dort merkte ich an, dass eventuell ein Navigationstisch und oder eine Pantry mehr Sinn machen würden, als eine Toilette. Immerhin könne man notfalls auch die Pütz benutzen, was zum Navigieren oder Kochen eben nicht ginge. Die Reaktion der bei dem Gespräch anwesenden, mir aber fremden Kunden war eine Mischung aus Unverständnis und Ekel. So langsam dämmerte mir, was es mit diesem ominösen „Kundenwunsch“ auf sich hat.

Kinderträume werden wahr - ein Spielplatz auf der Hanseboot bei den Dickschiffen...
Kinderträume werden wahr – ein Spielplatz auf der Hanseboot bei den Dickschiffen…

Einen Kunden scheinen aber sehr viele Ständebetreiber (der Stand von Fareast ist eine rühmliche Ausnahme – siehe rechts unten im Bild) komplett aus dem Augen verloren zu haben. Die teilweise deutliche Ablehnung von Kindern auf den Ständen, gepaart mit Bemerkungen man können seine Kinder wohl nicht erziehen, weil diese ausgestelltes Ausrüstungsmaterial angefasst hatten und es ja kaputt gehen könnte (wenn es Kinderhände nicht übersteht, sieht es wohl bei den ersten 5 Bft auch ganz schlecht aus…) verleitete einen Vater, zu der Aussage zu einem Standbesitzer: Kinder sind übrigens die Kunden der Zukunft, aber nicht die Ihrigen! Den Satz kann man ja mal so stehen lassen. Also der Eindruck drängte sich auf, dass hier die Werften und Händler vielleicht anfangen sollten umzudenken. Denn die Kinderfreundichkeit eines Bootes (und seiner Verkäufer) sind ganz sicher eine Marktargument.

Für die Messebetreiber gilt diese Kritik hingegen nicht. Für Kinder wurde durchaus was geboten. Vom Stand der Jollenwerft:

2013 26 Okt_0601

Bis hin zum Minisegelevent war viel für die Lütten dabei.

Sailing at its best indoors
Sailing at its best indoors

So lässt sich der Besuch der diesjährigen Hanseboot mit viel Licht und daher auch etwas Schatten zusammenfassen. Das Wetter jedenfalls war grandios:

Herbst in HH
Herbst in HH

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